Kriegsende in Ringelberg

 

Beitrag von Franz Fenzl, HsNr. 75 (Bitteranaresnfranz)

Erinnerungen an Kriegsende und Nachkriegszeit bis Vertreibung in Ringelberg

 

Kreis Tachau

Totaler Krieg

Mit der Erklärung des “Totalen Krieges” wird die totale Niederlage eingeleitet und beschleunigt.

Die letzten Anstrengungen und Maßnahmen sollen den ,,Endsieg“ bringen.

1. Wehrpflicht bis 60 Jahre und Volkssturm von 15-65 Jahre.

2. Die 60-Stundenwoche wird eingeführt (3 Wochen nach Beginn meiner Lehre in Tachau)

3. Jahrgang 1928 wird gemustert und Nov./Dez. eingezogen.

4. Jahrgang 1929 wird im Marz ’45 gemustert. Angeblich melden sich mehr als 90%,”freiwillig“. Auch von ihnen wird noch ein Teil einberufen.

5. Standrecht für flüchtige Kriegsgefangene und fahnenflüchtige deutsche Soldaten. Nächtliche Volkssturmstreifen, ausgerüstet mit KK-Gewehren, sollen Flüchtige dingfest und nötigenfalls vom Standrecht Gebrauch machen.

6. Versorgung wird reduziert und in Dekaden freigegeben, aber es braucht noch niemand hungern.

7. Behelfsheime fur Ausgebombte müssen gebaut werden (in Ringelberg, zwei Berliner Familien wohnen darin).

Auswirkungen

Bald ist die Lage aussichtsloser und der totale Krieg spürbar. Die Gefallenenmeldungen häufen sich und ,,Heldengedenkfeiern“ gelten gleich mehreren Opfern. Anglo-amerik. Bomberstaffeln überfliegen Deutschland fast ungestört (auch Ringelberg) auch am Tage zu ihren Zielen. Angriffe auf Eger, Pilsen, Nürnberg, Dresden sind zu sehen und zu spüren. Zum ersten Bombenabwurf eines vereinzelten Bombers kam es im Nov. ’44 ohne nennenswerten Schaden in der Flur zwischen Stiebenreith und Tachau. Ich schaue mir die Bombentrichter an und finde auch Bombensplitter scharf wie Messer und bekomme einen Eindruck von der Wirkung dieser Waffe.

Am 20.01.’45 kommt es zu einem Luftkampf über Ringelberg. Ich sehe brennende Flugzeuge abstürzen in Richtung Planer Brand und Heiligenkreuz. Ein anderes brennendes im Tiefflug über Ringelberg, das in der Scheune von Gruber Nr. 81 einschlägt. Scheune und Flugzeug mit Pilot verbrennen.

Am 14.02.’45 erlebe ich den überraschenden Angriff auf Tachau in der Hausdurchfahrt Untere Gasse 106 (Heidenreich) mit Einschlägen in Nachbargebäuden. Bin zwar unverletzt, aber total verstört und 2 Wochen nicht arbeitsfähig. Es gibt viele Tote und Verletzte, zerstörte und brennende Häuser.

Ende Febr. – Anfang Marz greifen Tiefflieger einen Zug auf der Fahrt vom Südbahnhof zum Hauptbahnhof an. Es gibt wieder Tote und Verletzte.

Flüchtlinge

 

Anfang Januar ’45 kommt die Front aufs Reichsgebiet. Flüchtlinge aus Schlesien und Slowakei kommen nach Ringelberg. Sie werden vorerst in der Schule und im Gasthaus Träger Nr. 10 untergebracht und dann im Ort verteilt. In fast jedem Haus sind Flüchtlinge zugeteilt und mitfühlend aufgenommen. Bei uns waren 2 ältere Frauen aus Breslau und Ohlau. Bei Kraus Nr. 36 eine Frau mit Kindern. Sie verursachten den Brand im Juni ’45, worauf Anna Kraus von den Tschechen einige Wochen in Haft genommen wurde.

Volkssturmausbildung und Einsatz

Im Winter ’44/’45 wurden Sonntags im Gasthof Moißl in Hals Schulungen des Volkssturm durchgeführt. Leiter dieser Schulung war der Oberlehrer Müller aus Hals. Ein Kriegsverletzter Feldwebel zeigte die Funktion von Karabiner, Pistole, LMG und Panzerfaust. Eine solche wurde auch mal auf dem Sportplatz in Hals auf eine Stahltafel abgefeuert.

 

Für den Ringelberger Volkssturm ist Richard Schmidgunst Nr. 49 zuständig. Eingesetzt wird der Volkssturm zu nächtlichen Kontrollstreifen, Panzersperrenbau, Schützenlocher graben und zuletzt als Melder. Mein Einsatz als solcher war Ende April mit einem Berliner (Behelfsheim Ringelberg) am Lugelhof in Heiligen bei Tachau. Dort war ein Befehlsstand von Wehrmacht, RAD und Volkssturm (Oberlehrer Müller). Als wir von ihm zu einem Einsatz nach Paulusbrunn aufgerufen wurden, werden wir von ihm geohrfeigt, weil wir ohne Fahrrad gekommen waren (mein Kamerad hatte keines). Andere aus Schönwald mußten diese Meldung übernehmen. Wir wurden am nächsten Tag nicht mehr abgelöst und verließen den Standort in Richtung Ringelberg. Der Volkssturm ist den Gesetzen der Wehrmacht unterworfen. Auf Fahnenflucht steht Standrecht.

Neue Alarmbestimmung, Truppenbewegung und Frühjahrsbestellung

Nach dem Angriff auf Tachau flüchten viele bei Alarm in den Wald nahe Tachau. Manche Tage waren wir mehr im Wald als auf dem Arbeitsplatz. Bald wird erst Alarm gegeben direkt vor Eintreffen der Bomber. Zum Glück kommt es zu keinem weiteren Angriff auf Tachau in das Durcheinander fliehender Menschen. Die Zahl der Opfer wäre viel größer als beim 1. Angriff gewesen.

Ende Marz – Anfang April fahren nachts Kolonnen von Wehrmachtsfahrzeugen Richtung Westen. Am Tage halten sie sich im Wald versteckt zum Schutz vor Tieffliegern.

Nun ist es Zeit zur Frühjahrsbestellung. Die Menschen fragen sich, ist das überhaupt möglich, wenn nicht, von was soll man in Zukunft leben? Es wird zaghaft versucht, wenn mal eine Weile die ,,Luft rein“ ist. Aber so schnell wie die Tiefflieger auftauchen, kann man vom Feld nicht weg. Als nichts passiert, wird weiter gearbeitet. Ich erinnere mich, daß wir Kartoffeln legten, während 3-4 Tiefflieger im Kreis Marienbad angriffen.

KZ-Haftlinge

Anfang April kommen auf dem Bahnhof Tachau Transporte mit KZ-Häftlingen aus Buchenwald an. Einige sind bereits tot, andere kommen auf dem Marsch nach Floßenbürg um. Zur Verstärkung der Wachmannschaft auf dem Marsch nach Floßenbürg werden Leute von SA und Partei herangezogen. Ich selbst sah etwa 4 LKW beladen mit diesen erbärmlichen Gestalten durch die Untere Gasse fahren. Ich werde diesen Anblick nicht vergessen. Ca. 235 liegen in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof begraben. Heute erinnert ein Denkmal am Nordrand von Tachau an diese Opfer. Es wird erschreckend offenkundig, was vorher gemunkelt, aber kaum fur möglich gehalten wurde. Erdrückend ist die menschliche Grausamkeit, die eigene Hilflosigkeit und die bange Frage, was geschieht uns, wenn uns Rache trifft.

Die letzten Kriegstage

Ende April rückt die Front näher und man kann schon Kanonendonner hören. In der Flur von Thiergarten, Brand, Frauenreith, Sorghof und Hals gehen deutsche Geschütze in Stellung. Zuletzt in Ringelberg – Jägerhäuser am Westrand des Waldstückes hinter Gruber Nr. 83. Eigentlich wollte man es an unserer Scheune in Stellung bringen, aber Vater und unsere Nachbarn konnten das abwenden. Wie recht sie hatten, zeigte sich nachher. Die leicht abfallende Waldwiese zum Grommerebach war voller Einschläge und der Wald am Bach nur noch Stümpfe. Welche Opfer hatte es im Ortsteil Jägerhäuser gegeben. In Hals und Frauenreith wurden einige Gebaude getroffen und brannten.

Bei der deutschen Wehrmacht zeigen sich Auflösungserscheinungen. Kleinere Gruppen von Soldaten sind zu Fuß unterwegs in und aus Richtung Front. Manche haben schon weiße Tücher bei sich. In der Nacht zu 1. Mai schlafen 2 Soldaten in unserer Scheune. Am Morgen liegen etwa 5cm Schnee. Die Art.-gefechte werden immer heftiger. Nachbarn rücken in massiveren Gebäuden zusammen (wir im Stall bei Gruber Nr. 26). In der Nacht vom 3./4.5. tritt Stille ein. Draußen hört man Fahrzeuggeräusche und Stimmen. Soldaten berichten vom Tod Hitlers und diskutieren über die Verbindlichkeit ihres Fahneneides. Sie ziehen sich Richtung Planer Brand zurück. Es ist die einzige Möglichkeit, denn Tachau ist schon seit 02.05. von den Amerikanern besetzt.

 

Besetzung von Ringelberg am 05.05.’45

In den Vormittagsstunden ist das Rattern von Panzern zu hören. Wir sehen aber keine. Bald darauf kommen amerikanische Soldaten von Haus zu Haus, die MP im Anschlag und fragen nach deutschen Soldaten und dann gleich nach Eiern. So verlief die Besetzung im Ortsteil Jägerhäuser und sicher in den anderen auch. Es ging so schnell, daß kaum Zeit blieb, ein weißes Tuch herauszuhängen. Nur im Wald Richtung Planer Brand hörte man noch Schußwechsel.

Ob eine offizielle Übergabe der Gemeinde an die Besatzung erfolgte, ist mir nicht bekannt.

Friede

 

Nachdem Ringelberg und Umgebung besetzt ist, ist die unmittelbare Gefahr vorbei. Aus den Nachrichten weiß man, daß Deutschland bis auf kleine Gebiete von den Alliierten Streitkraften besetzt, der Krieg verloren und in einigen Tagen zu Ende sein wird.

Am 09.05. wird die bedingungslose Kapitulation bekanntgegeben. Es ist Frieden!

Zu gleicher Zeit läuten in allen Orten 1 Stunde lang die Glocken. Dankbare Freude, tiefe Trauer und banges Hoffen erfüllt die Herzen der Menschen.

 

Freude, weil dieser Völkermord vorbei ist und man selbst überlebt hat.

Trauer, über Opfer an Menschenleben, besonders in den betroffenen Familien.

Hoffen, auf gesunde Heimkehr von Ehemännern, Söhnen und Brüdern und auf

eine bessere Zukunft.


Amerikanische Besatzung

Im Gasthaus Träger Nr. 10 hat eine Gruppe amerikanischer Soldaten einige Wochen Quartier bezogen. In den ersten 3-4 Tagen auch bei Hampl Nr. 52 und eventuell auch in anderen Häusern der anderen Ortsteile von Ringelberg. Am Hang des Glasberges vor Hals bis an die Frauenreither Str. hinter Hals war ein Feldlager mit Zeiten, Panzern, versch. Kriegsgeräte, LKW und Jeeps bis etwa Mitte Juni stationiert. Das Plateau dient als Flugplatz. In Heiligen und in den Villen der Schiller Str. von Tachau ist ebenfalls amerikanisches Militär einquartiert. Am Luglhof in Heiligen war ein Schlagbaum und ein Kontrollposten.

Das Sagen hat der Militärkommandant mit Sitz im Cafe Neubauer am Markt. Seine ersten Weisungen:

• Abgabe von Waffen und Munition

• Meldung der Wehrmachtsangehörigen

• Sperrstunde von 22-05 Uhr morgens

• Bewegung nur im Umkreis von 5km

Übergriffe an der Zivilbevölkerung werden nicht bekannt, und man faßt Zutrauen. Ich selbst frage bei der Ringelberger Besatzung um eine Genehmigung für den Weg nach Tachau nach und werde gleich im Jeep mitgenommen und durch die Kontrolle am Luglhof gebracht. Beim Stadtkommandanten erlange ich die Dauergenehmigung für meinen Arbeitsweg und kann somit meine Lehre fortsetzen. Ebenso auch andere Ringelberger Lehrlinge. Die Straße nach Hals, Frauenreith bis Tachau ist durch Panzer unpassierbar gemacht. So führt uns der Weg über Sorghof und Aglaienthal nach Tachau.

Kriegsheimkehrer ohne Entlassungsschein aus Gefangenschaft sind aufgefordert sich zu melden. Nach einem mehrtägigen Aufenthalt im Entlassungslager Konstantinsbad mit Überprüfung nach Waffengattung, Einsatzorten, Zugehörigkeit zur Waffen-SS, Dienstgrad usw. erfolgt in der Regel die ordentliche Entlassung.

 

Neugründung der CSR und Machtübernahme

Kaum hatte man sich über das Kriegsende gefreut, gemeint glimpflich davon gekommen zu sein und sich auf die Besatzung eingestellt, erschrickt eine neue Bekanntmachung die Menschen.

Mit einem Schreiben von Haus zu Haus wird uns die Neugründung der CSR in den Grenzen von 1918 bekanntgegeben. Weiter wird darin mitgeteilt:

• Die Deutschen sind schuld am Krieg, am Tod von Millionen unschuldiger Menschen und an der Zerschlagung des Tschechischen Staates.

• Deutsche Bewohner sind der tschechischen Staatsbürgerschaft unwürdig.

• Ihr Eigentum verfällt dem tschechischen Staat und ist entsprechend zu behandeln.

• Sperrstunde und Bewegungseinschränkung gelten weiter.

• Deutsche Bewohner werden zum Tragen einer Armbinde verpflichtet (anfangs gelb, später weiß).

• Motorräder, Fahrräder, Radio, Ski, Zentrifugen und Butterfässer müssen abgegeben werden.

• Wer weiter als 5km zur Arbeit muß, kann sein Fahrrad behalten. Er bekommt eine Bescheinigung, daß er das Fahrrad Marke … Nr. … vom Tschechischen Staat geliehen bekommen hat und es bei Aussiedlung an diesen zurückgeben muß.

• Verlangt wird die vollständige Abgabe von Brotgetreide, Milch und Eiern.

• Ankündigung der ,,Judenkarte“ für Deutsche mit den Rationen, wie sie Juden in der NS-Zeit hatten (keine Milch, kein Fleisch, keine Butter, keine Eier, Kleinkinder erhalten einen Liter Magermilch).

• Die Einhaltung aller Anordnungen wird mit Strafandrohung gefordert.

In den folgenden Wochen kommen in die Ortschaften tschechische Kommissare als Bürgermeister. Ehemalige deutsche Bürgermeister und Gemeindeschreiber sind weiter im Dienst und müssen tschech. Anordnungen bei der deutschen Bevölkerung durchführen.

In Hals wird eine Gendarmarie- und Grenzpolizeistation aufgebaut und ständig verstärkt. In dieser fällt auch der Brand bei Kraus Nr. 36. Anna Kraus wird der Brandstiftung beschuldigt und ist einige Wochen in Tachau in Haft.

Im Aug. ’45 werden vom ehemaligen deutschen Bürgermeister (Ferd. Gruber Nr. 99) ehemalige ,,Funktionäre“ unter Zureden zur Gendamarie nach Hals bestellt.

Es sind: Richard Schmidgunst Nr. 49, Josef Fenzl Nr. 75, Josef Stich Nr. 51, Frau Schiffl Nr. 101 und Weimann Nr. 37 (Weimann kommt auf Grund seiner NS-Parteilosigkeit und Soz. Demokratischen Parteibuches frei). Der Verbleib der anderen ist vorerst unbekannt. Diese Aktion findet zeitgleich auch in den anderen Orten des Kreises statt. Nach etwa 2 Wochen kann man in Tachau Sträflingskolonnen unter strenger Bewachung bei Aufräumungsarbeiten an zerstörten Häusern sehen. Meine Cousine erkennt unseren Vater in der Kolonne am Krankenhaus. Nun ist auch bekannt, daß die Zigarrenfabrik tschech. KZ geworden ist. Die Tschechen nennen es Internacni tabori (Internierungslager). Die Häftlinge sind kahlgeschoren, tragen auf ihrer Zivilkleidung einen roten Fleck mit schwarzer Nummer und wirken abgemagert, müde und verängstigt. Im September finden Aussonderungen im Lager statt. Einige kommen nach Eger, andere nach Tschremoschna (unser Vater und Rich. Schmidgunst) oder Pilsen – Bory (Frau Schiffl).

Dieser neue Aufenthalt wird auch erst wieder nach Wochen bekannt. Im Nov. werden Josef Gruber Nr. 17 und Joh. Baier Nr. 67 verhaftet und kommen ins KZ Tachau. Ferd. Gruber Nr. 99 flieht mit Familie nach Bayern.

 

Die amerikanische Besatzung ist noch anwesend, nimmt aber keinen Einfluß auf die Geschehnisse und ihr Abzug per 30.11. wird bekannt. Sorge macht sich breit, daß gerüchteweise Berichte aus anderen Teilen des Sudetenlandes auch bei uns passieren. Die Sorge erweist sich als berechtigt. Alles wird den Deutschen angelastet. Es kommt zu nächtlichen Hausdurchsuchungen, Razzien, Festnahmen und Inhaftierung im Lager Tachau. Zu ,,Wilden Vertreibungen“ kommt es bei uns jedoch nicht.


Tschechische Besiedlung des Sudetenlandes

Nach der Enteignung aller Deutschen und der Ankündigung werden die Tschechen zur Neubesiedlung der deutschen Gebiete aufgefordert und mit der Übernahme von Bauernwirtschaften, Geschäften, Handwerksbetrieben und Häusern geködert. Anfang Aug. kommen die ersten tschech. “Verwalter” nach Tachau und übernehmen deutsche Geschäfte, Handwerksbetriebe und suchen sich die schönsten Häuser als Wohnung aus. Auch in meines Meisters Geschäft kommt einer.

Bald folgen die ersten Übernahmen in Frauenreith, Stiebenreith, Hals. Es hängt vom jeweiligen tschech. Verwalter ab, ob sofort geräumt werden muß und was mitgenommen werden darf. Die Betroffenen suchen und finden Unterkunft bei Verwandten und Bekannten im Ort, deren Haus noch nicht besetzt ist.

Von Tschechen bereits besetzte Grundstücke, Geschäfte usw. sind durch ein Schild gekennzeichnet, da sie unter ,,Nationalverwaltung“ stehen. Nicht gekennzeichnete stehen für ankommende Verwalter zur Auswahl frei und ihre Bewohner müssen täglich mit gleichem Schicksal rechnen.

Bereits Sep./Okt. werden viele der Betroffenen ins tschechische Innenland verschleppt, denn dort fehlen nun die Arbeitskräfte. Ich selbst habe in Frauenreith auf meinem Weg zur Arbeit nach Tachau eine Gruppe Familien vor ihrem Abtransport gesehen. Dieser Anblick bleibt mir unvergeßlich. – Und mancher dieser Verschleppten kam nicht zur Ausweisung frei. Ich meine, das Los dieser Menschen ist härter, als das der Vertriebenen.

Ringelberg und andere Nachbarorte (Thiergarten, Brand, Galtenhof und Paulusbrunn) blieben von dieser ,,Neubesiedlung“ verschont. Kleine Wirtschaften, karger Boden, rauheres Klima und Abgelegenheit waren wohl der Grund.

Um alle Orte mit Tschechen zu besiedeln reichte die eigene Bevölkerung nicht aus. Darum gibt es so viele deutsche Ortschaften nicht mehr und manche nur in Resten (siehe Ringelberg).

Die Ringelberge Landwirte bewirtschaften ihre Felder und versorgen das Vieh wie bisher, obwohl es ihnen ja gar nicht mehr gehört.

Im Okt. ’45 wird im Freien, Nähe Wamser Nr. 8, eine große Dampf-Dreschmaschine aufgestellt. Alle Landwirte werden aufgefordert ihre Getreideernte zum Drusch zu bringen. Auf Anfrage bzw. Bitte wird gestattet, auch zu Hause zu dreschen, mit der Auflage 31.10. = Druschende. Immer noch hofft man Getreide behalten zu können. Wo Gopel und Dreschmaschine vorhanden, wird eifrig gedroschen und sich gegenseitig geholfen urn den Termin einzuhalten.

Wer seine Getreideernte zum Druschplatz brachte, nahm vorerst Stroh und Körner wieder mit Heim. Welch eine Erleichterung und Hoffnung!

Doch schon in den ersten Novembertagen kommt die Aufforderung zur restlosen Abgabe unter Strafandrohung.

Trotzdem hat wohl jeder eine ,,Eiserne Ration“ versteckt behalten und auch den Dreschhelfern gegeben. So hat wohl jeder etwas zuzusetzen, doch beim Mahlen mit der Kaffeemühle, kochen und essen ist die Angst immer dabei, daß eine Kontrollstreife kommt.

Einige Male konnte ich kleine Mengen von 6-8kg in der Angstmühle Tachau tauschen. Mit solch gefährlichem Gepäck mußte ich auf Schleichwegen nach Tachau, denn in die Kontrolle durfte ich damit nicht geraten.

Eine versteckt gehaltene Henne wird unser Weihnachtsbraten! Es ist das erste Fleisch nach einem halben Jahr und das nächste dreiviertel Jahr.

Mit nächtlichen Hausdurchsuchungen, Razzien, Festnahmen und Überführung in KZ Tachau nehmen die Schikanen zu. Da meist junge Leute Opfer werden, flüchten auch einige Ringelberger.

 

Die neu eingeführte Haushaltskarte gibt Auskunft über Personenzahl, Alter und Geschlecht der zum Haushalt gehörenden Personen, und muß bei Kontrollen

vorgelegt werden.

Es ist deshalb sehr gefährlich ,Heimkehrern und Flüchtenden Unterschlupf

oder Nachtlager zu geben. Trotzdem geschieht es.

Ein Tag vor HI. Abend werden junge Männer nach Tachau aufs Arbeitsamt bestellt. Sie kommen nicht wieder heim und ihr Verbleib ist 1-2 Wochen unbekannt. Man hatte sie nach Brüix in den Kohlebergbau geschafft. Einige ahnten die Gefahr und flohen nach Bayern.


Kontrollstreife

Zu einer Grenzkontrollstreife gehörten immer 6 Mann mit russischer MP bewaffnet. Bei der Kontrolle halten vier Mann ihre MP im Anschlag, einer kontrolliert Kennkarte, Fahrradbescheinigung und Fahrradnummer, der andere

tastet Körper ab und sieht in Tasche oder Rucksack. Diese Prozedur erleben wir täglich mindestens einmal je Hin- und Rückweg. An Tagen mit Razzia (meist früh, mehrfach ) kommen wir dann zu spät zurArbeit. An diesen Tagen mußte man sich besonders vorsehen. Wir machen uns Zeit- und Treffpunkt für den Arbeitsweg aus und fahren möglichst nie alleine.

In der Silvesternacht wird eine flüchtende Frau mit 18jahriger Tochter zwischen Ringelberg und Hals gestellt. Der Tochter wurde durch eine MP-Salve der Oberschenkel zertrümmert und soll verblutet sein.


Problematik der Vertreibung

Es ist ein langer Prozeß von den ersten Gerüchten über Vertreibung, dem Erkennen der Realität bis zum ganz persönlichem betroffen sein. Selbst da wollen es besonders alte Leute noch nicht wahr haben und sagenz um Abschied zu den Zurückbleibenden ,,Auf wiedersehen in Ringelberg“ und vielleicht braucht ihr gar nicht erst fort. Sie werden es wohl nie fassen und endlich an Heimweh in der Fremde zerbrechen. In mir regt sich Stolz und Trotz. Das Leben in ständiger Bedrohung, Rechtlosigkeit, Demütigung, Ungerechtigkeit und Schikanen bringt die meisten Menschen so weit, daß sie erkennen, die Trennung von der Heimat ist unausweichlich und nehmen es zuletzt gefaßt. Manche melden sich sogar freiwillig, weil auch bekannt wird, daß bald Transporte in die russische Zone gehen sollen.

Die Anweisungen über die Beschriftung der Gepäckstücke, was mitgenommen werden darf und was nicht, Mengenangabe in kg/Person machen auch mit derTatsache vertraut. Auch die Ausgabe von Klee- und Grassamen zur Aussaatin die Winter- und Sommersaaten läßt erkennen, daß es eine Herbstbestellung nicht mehr gibt.

Im Frühjahr ’46, als in Tachau bereits die ersten Transporte fortgehen, wird man in Ringelberg aktiv und versucht noch etwas zu retten. Mit Habseligkeiten in Tragekörben oder Rucksack bepackt gehen kleine Gruppen nachts unter Lebensgefahr nach Hermannsreuth oder Griesbach. Ich bin selbst auf Drängen von Mutter zweimal mit. Beim ersten Mal trage ich Vaters bis dahin verstecktes Fahrrad quer durch den Wald nach Griesbach. Vater ist zu dieser Zeit noch im KZ bei Pilsen. Beim zweiten Mal auf dem Rückweg wird ganz in der Nahe geschossen. Als wir merken, daß es uns nicht galt, schleichen wir weiter. Zu Hause angekommen berichtet Mutter voller Schrecken, daß die Grenzstreife gerade einen Mann an unserm Hause vorbei abführte und meinte, ich könnte es gewesen sein. Nun hat auch sie begriffen wie unsinnig und gefährlich solches Tun ist.

Die meisten im KZ Inhaftierten kommen vor der Vertreibung frei, andere kommen erst im Ausweisungslager zu ihren Familien. Verurteilte müssen bleiben.

Auch unter den Tschechen gibt die Vertreibung AnIaß zu Diskussionen, denn auch tschech. Kollaborateure sollen ausgewiesen werden. Wer ist einer? Von einigen werden Tschechen mit deutschem Ehepartner als solche angesehen. Über die Haltung zu deutschen Antifaschisten und NS-Opfern wird ebenfalls gestritten. Oft kann man in tschechisch hören, alle Deutschen sind Schweine, alle!-

 

Die Praxis zeigt aber bald, daß jeder Tscheche zur Besiedlung der deutschen Gebiete gebraucht wird und der Streit ist zu Ende. Es werden alle im Ausland lebenden Tschechen auch mit deutschem Ehepartner an ihre patriotische Pflicht ermahnt in die CSR heimzukehren und an der nationalen Aufgabe der Besiedlung teilzunehmen.

Dabei wird mit der Übernahme von Häusern, Handwerksbetrieben, Bauernwirtschaften und guter Versorgung gelockt.

Im Nov. kommt ein solcher Tscheche in unsere Schneiderei. Er lebte 30 Jahre in Chemnitz (auch NS-Zeit!). Er übernahm mit seiner Frau (geb. Tachauerin) ihr Elternhaus. Später zeigt sich, daß man zumindest vorerst, auch auf manchen Deutschen nicht verzichten kann. Neu angesiedelte Tschechen haben oft nicht den Beruf der gebraucht wird – oder gar keinen und müssen angelernt werden, will man diesen oder jenen Wirtschaftszweig erhalten.

Deutsche, die diese Aufgabe übernehmen müssen, werden bis zuletzt zurückgehalten, oder müssen gar ganz bleiben.


Ablauf der Ausweisung

Im März gehen die ersten Transporte von Tachau weg. Die ersten Ringelberger sind Ende Mai – Anfang Juni dabei. 1-2 Tage zuvor erhalten die betroffenen Familien Bescheid über Zeit- und Stellpunkt. Das Gepäck wird auf Leiterwagen mit Kuhgespann nach Tachau ins Sammellager Zigarrenfabrik gebracht. Hinterdrein geht der Trauerzug der betroffenen Menschen. Im Lager ist Kontrolle des Gepäcks, Entlausung und Zusammenstellung des Transportes mit Nennung der Waggonnummer und kennzeichnen der Gepäckstucke mit dieser Nummer. Am 4./5. Tag beladen der bereitgestellten und numerierten Viehwaggons. In jedem Waggon kommen 30 Personen mit Gepäck. Die Abfahrt erfolgt mit ungewissem Ziel.

Nachbarn, die noch daheim sind, füttern das Vieh der Vertriebenen, bis es abgeholt wird. Beim Betreten dieser verwaisten Anwesen wird einem die Grausamkeit der Art und Weise der Vertreibung bewußt. Das Zerreißen der Familien- und Dorfgemeinschaft ist, als würde einem ein Körperteil nach dem anderem ausgerissen. Auch die Tiere scheinen darunter zu leiden.


Letzte Ernte

Ende Juli wird die Vertreibung unterbrochen. Noch anwesende arbeitsfähige Männer und Frauen werden zu Schnitterkolonnen zusammengestellt. Bewacht von einem Nat.-Gardisten mit MP und Hund.

Ich gehöre selbst als 16jähriger der Kolonne im Ortsteil Jägerhäuser an. Mitte Aug. ist fast alles Getreide gemäht und in Puppen zur Trocknung aufgestellt. Nahe Wamser Nr. 8 ist wieder zentraler Druschplatz und einige sind bereits zum Anfahren und Dreschen des Getreides eingeteilt.

Verlauf unseres Transportes

Etwa 20. Aug. geht die Ausweisung weiter und wir sind mit dran. Mit uns Familie Gruber Nr. 81, Gruber Nr. 17 und Träger Nr. 10.

Nach bereits geschildertem Ablauf im Lager Zigarrenfabrik ist am 26.08. Abend Abfahrt vom Bahnhof Tachau. Am 27.08. Vormittag erhalten wir auf einem Abstellgleis am Bahnhof Eger die Henkersmahlzeit, Bohnensuppe und eine Scheibe Brot. Obwohl Suppe und Brot gut ist, hat keiner richtig Appetit, denn alle belastet die Frage: Wo geht es hin? Amerikanische oder russische Zone?

Nach kurzer Fahrt ist es längs der Gleise weiß von Armbinden. Auch wir werfen unsere hinaus. Kurz darauf hält der Zug im Bahnhof Bad Brambach.

Wir sind im Osten!

 

Wir sehen die ersten Volkspolizisten, eine Krankenschwester fragt nach Kranken und macht Stichproben nach Läusen. Wir werden aufgefordert, Waggonweise Essen zu holen. Es gibt pro Waggon einen Wassereimer Suppe von Sauren Gurken und zwei längliche Brote – ganz schwarz und pappig. Auf einem kleinem Bahnhof in Thüringen rnuß der Transport umgeladen werden in einen Zug mit Personen- und Viehwagen. In die Personenwagen kann nur wichtigstes Handgepäck mitgenommen werden. Am 01.09. ist in Aschersleben Endstation. 2-3 Wochen sind wir in einer ehemaligen Kaserne in Quarantäne.

Nun beginnt die erste Grobverteilung. Wir Ringelberger Familien und Familien aus Brand bei Tachau und Hals kommen nach Gerbstedt in einen Gasthaustanzsaal. Wir sind für den Mannsfelder Kupferbergbau und die Landwirtschaft vorgesehen. Am 22.10.’46 erfolgt auf Traktorhängern der Transport zum zukünftigen Wohnort Dederstedt, Kreis Eisleben. Vor uns angekommene Familien empfangen uns klagend über den “freundlichen” Empfang ihrer Hauswirte.


1. Jahr in der Fremde

Unsere Familie ist einem größeren Bauern zugeteilt. Sein Eßzimmer ist für uns 8 Personen Koch- Wohn- und Schlafraum. Zum Unglück ist der folgende Winter einer der strengsten des Jahrhunderts. Wir hungern und frieren und begehen Mundraub an Mohrenmieten und Holzdiebstahl. Unsere kranke Schwester hat leichte Erfrierungen an den Zehen, obwohi sie gar nicht raus kommt. Vom Bauern bekommen wir auf Bitten der Mutter Futterkartoffelflocken. Im darauffolgendem Sommer sorgen wir mit Ährenlesen, Kartoffel- und Mohrenstoppeln vor. Wir beginnen uns mit den gegebenen Verhältnissen zurecht zu finden. Ich kann meine Lehre im Nachbarort bei einem Schlesierflüchtling beenden. Wir Jugendlichen kommen mit den ansässigen Jugendlichen in Kontakt und verkehren zum Teil freundschaftlich miteinander.


Nachwort

Dies sind Erinnerungen eines damals 14-16jährigen und sie liegen bereits über 50 Jahre zurück. Es kann deshalb nur eine unvollkommene Wiedergabe der Geschehnisse sein. Jeder stand in seiner eigenen Situation und hatte eigene Erlebnisse. Selbst gleiche Erlebnisse können unterschiedlich wahrgenommen werden. Meine Erinnerungen sind von Erlebnissen in Ringelberg und Tachau geprägt. Ich habe versucht, objektiv zu berichten, trotz der schlimmen Erlebnisse und möchte es auf keinen Fall als allgemeines Urteil über das tschechische Volk verstanden wissen. Es war in dieser Zeit für Tschechen nicht leicht, Deutschen gegenüber Mitgefühl zu zeigen, trotzdem konnte man auch das erleben.

Mögen in Zukunft für alle Probleme zwischen den Völkern friedliche Lösungen gefunden werden und den Menschen solche Erfahrungen erspart bleiben.


Die Bericht verfaßte:

Franz Fenzl (Bittereranresn – Franz)

geb. 17.01.1930 in Ringelberg Nr. 75

jetzt wohnhaft in:

08349 Johanngeorgenstadt Glockenklanger Str. 32

Tel.: 03773/88 2008

Johanngeorgenstadt im Juli 1997